Wissenschaftssysteme bieten keine Lösung zur Wirksamkeitsanalyse der Naturheilkunde

Juni 2008

- Wissenschaftssysteme bieten bisher keine Lösung zur Wirksamkeitsanalyse der Naturheilkunde - Fachgespräch „Komplementärmedizin auf dem Prüfstand“

Der Vorwurf, die alternative Medizin oder Naturheilkunde sei nicht wirksam, wird nicht dadurch wahrer, weil er gebetsmühlenartig ständig wiederholt wird. Die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen hatte deshalb unter dem Thema „Komplementärmedizin auf dem Prüfstand“ zu einem Fachgespräch eingeladen, an dem auch Monika Gerhardus, Präsidentin der Union Deutscher Heilpraktiker e.V., teilnahm. Die generelle Frage dabei lautete: Wie und durch welche Methoden die Wirksamkeit komplementärmedizinischer Ansätze nachgewiesen werden kann und welche Schlüsse das deutsche Gesundheitssystem aus qualitativ hochwertigen Studien zieht. Alle Anwesenden waren sich darin einig, dass ein hundertprozentiger Nachweis über die Wirksamkeit von medizinischen Interventionen in keinem Falle möglich ist - weder bei der „klassischen Schulmedizin“ noch bei der „alternativen Medizin“.

Die Teilnehmer des Fachgesprächs:
- Bigi Bender, Sprecherin für Gesundheitspolitik Bündnis 90/Die Grünen
- Dr. Harald Terpe, MdB und Sprecher für Sucht und Drogenpolitik (Moderation)
- Dr. med. Harald Matthes, Vorstand der Hufelandgesellschaft
- Prof. Dr. Franz Porzsolt, Universität Ulm
- Dr. Sophia Kienle, Institut für angewandte Erkenntnistheoretische und medizinische Methodologie
- Dr. Claudia Witt, Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie, Charité Universitätsmedizin Berlin
- Dr. Rainer Hess, unparteiischer Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses der Ärzte

Der Faktor Mensch spielt immer eine wesentliche Rolle
Prof. Porzsolt, der sich intensiv als Befürworter der sogenannten EBM (Evidence Based Medicine) engagiert, stellte drei wesentliche Faktoren auf, die bei Wirksamkeitsnachweisen eine Rolle spielen: Glaube, Kosten-Nutzen und die „Schwammerl“-Regel.
Über die EBM werden Regeln aufgestellt und differenzierte Analysen möglich gemacht, die dem Therapeuten zu standardisierten Verfahren in ihrem therapeutischen Handeln verhelfen. Evidenzbasierte Entscheidungen sind demnach weitgehend objektiv. Im letzten Schritt aber verlangen sie doch nach einer subjektiven Bewertung, was Porzsolt zu der Aussage verleitete: „Kaum jemand handelt gegen seine eigene Überzeugung.“ Also kommt auch der Glaube hier wieder ins Spiel. Das Individuum spielt allerdings eine nicht zu unterschätzende und schlecht einschätzbare Rolle. Es findet bei EBM zu wenig oder keine Berücksichtigung.

Der Unterschied zwischen „Wirkung“ und „Wirksamkeit“
Wirkung zeigen Mittel und Methoden in der klinischen Situation. Wirksamkeit dagegen zeigt sich erst in der alltäglichen Anwendung. Unabwägbar sind dabei
- der Einfluss des Therapeuten durch seine innere Einstellung und/oder
- der Einfluss des Patienten durch seine innere Einstellung.
Auch die EBM erfasst die wirklichen Kosten nicht aus der Praxis, sondern die Kosten werden bisher nur modellhaft erfasst.

Die „Schwammerl“-Regel
Nach Prof. Porzsolt beweist die Abwesenheit von Beweisen einer Wirksamkeit nicht gleichzeitig die Unwirksamkeit einer Methode. Das ist vergleichbar mit folgender bildhaften Folgerung: „Wenn wir in den Wald ziehen, um Schwammerl zu suchen, aber keine finden, beweist das nicht, dass es keine Schwammerl gibt!“ Die Aussage, die z.B. in einem aktuellen Test der Stiftung Warentest zur Nichtwirksamkeit von Heilpraktiker-Methoden getroffen wurde („…werden als Konzepte eingestuft, die zur Behandlung…ungeeignet sind“), verstößt demnach genau gegen diese „Schwammerl-Regel.

Desweiteren kritisierte Porzsolt auch die Schlussfolgerungen im Buch „Die andere Medizin“ von Stiftung Warentest: Dort steht, …“dass zwei Drittel der Naturheilverfahren ihre Wirksamkeit nicht nachweisen können. Homöopathie und anthroposophische Medizin werden als allgemeine Konzepte eingestuft, die zur Behandlung von Krankheiten nicht geeignet seien.“ Auch hier sieht er einen klaren Verstoß gegen seine allgemein gültige „Schwammerl-Regel“.

Interessant war auch der Ansatz von Frau Dr. Kienle, Wirksamkeitsnachweise zu erbringen. Sie entwickelte das Modell der Cognition-Based-Medicine (CBM). CBM berücksichtigt im Gegensatz zur EBM die individuellen Reaktionsweisen, durch die eine Verlaufsprognose allerdings noch nicht beurteilt werden kann. Vielleicht bietet eines Tages die CBM in Kombination mit der EBM eine Systematik, die der naturheilkundlichen Therapie nützlich sein kann.
Allerdings bestehen dafür in der Naturheilkunde nur beschränkte Möglichkeiten, da vom jeweiligen Befinden des Patienten auszugehen ist. Er bestimmt folgende Therapieschritte, ausgenommen z.B. systematisch langsam steigernde Mengen bei der Eigenbluttherapie.

Das Damoklesschwert „EBM“ wird zunehmend stumpfer. In den letzten Jahren ist es zu einem Wissenschaftlichkeitswahn gekommen, der den Besonderheiten unserer naturheilkundlichen Methoden keine Rechnung trägt. Das Individuum bleibt im Mittelpunkt, das ist der zentrale Kern der Naturheilkunde.

Die UDH nimmt mit Freude zur Kenntnis, dass die EBM-Vertreter mittlerweile auch zu der Einsicht gelangt sind, dass der einzelne Mensch, ob als Therapeut oder als Patient, wissenschaftlich nicht voll erfassbar ist und dass daher alle „Wissenschaftssysteme“ bisher keine vernünftige Lösung der Wirksamkeitsanalyse bieten.

Pressekontakt:
Monika Gerhardus
Präsidentin der UNION DEUTSCHER HEILPRAKTIKER e.V. (UDH)